Hochhausdebatte

Ob als Zeichen urbaner Zukunftsfähigkeit oder als Eingriff in gewachsene Stadtbilder – Hochhäuser sind Projektionsflächen urbaner Selbstverständnisse.

Ob als Zeichen urbaner Zukunftsfähigkeit oder als Eingriff in gewachsene Stadtbilder – Hochhäuser sind Projektionsflächen urbaner Selbstverständnisse. An kaum einem anderen Thema entzünden sich gesellschaftliche Aushandlungsprozesse so sichtbar wie am Bau in die Höhe.
Allen drei Städten sind große Fragen gemein. Doch was auf dem Papier ähnlich klingt – Verdichtung, Stadtbild, Zukunftsfähigkeit –, entfaltet sich vor Ort in höchst unterschiedlichen Diskussionen. Gegenstand, Akteurskonstellationen und emotionale Aufladung variieren erheblich. Mal stehen konkrete Projekte im Fokus, mal grundsätzliche Leitbilder, mal tief verankerte Fragen von Identität und Heimat.
Berlin, Frankfurt und München sind nicht nur unsere Firmenstandorte, sondern auch Schauplätze dieser unterschiedlichen Hochhausdebatten. Während in Frankfurt vergleichsweise routiniert über das Wie diskutiert wird, ringt Berlin um politische Leitplanken und eine gemeinsame Haltung. In München wiederum verdichten sich Hochhausprojekte zu einer emotional geführten Grundsatzdebatte zwischen Bewahren und Entwickeln.
Wie diese Auseinandersetzungen konkret geführt werden – und was sie für unsere Kommunikation bedeuten –, haben wir uns genauer angeschaut.

Berlin

Berlins ist offen für Hochhäuser, aber „nicht um jeden Preis“, sagt Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt bei der Vorstellung des neuen Hochhausleitbilds im Oktober 2025. Kaum ein Thema der Berliner Stadtentwicklung wird so kontrovers diskutiert wie der Bau von Hochhäusern.

Es sind Bezeichnungen wie „pragmatischer Ansatz“ oder Instrument zum Bau von „Luxuswohnungen“, wie sie der Tagesspiegel wählt, die die Polarisierung der Debatte deutlich machen. Während andere Metropolen längst auf vertikale Verdichtung setzen, ringt Berlin seit Jahrzehnten um eine gemeinsame Haltung. Die Hochhausdebatte spiegelt grundlegende Konflikte um Stadtbild, soziale Gerechtigkeit, wirtschaftliche Interessen und Politik wider.
Besonders deutlich zeigt sich die kontroverse Thematik des Hochhausbaus an der Warschauer Brücke mit dem umstrittenen „Amazon-Tower“ (Edge East Side Tower), sowie an den geplanten Hochhäusern der „Urbanen Mitte“ am Gleisdreieckpark.  Initiativen wie „Mediaspree versenken“ kritisierten Gentrifizierung, die Privatisierung öffentlicher Räume und organisierten Großdemonstrationen sowie einen Bürgerentscheid.

Das RAW-Gelände in Friedrichshain könnte auch bald verschwunden sein. Im Hintergrund der Amazon-Tower
Foto: Volker Hohlfeld/Imago https://taz.de/Amazon-und-Berliner-Stadtplanung/!6091227/

Neues Leitbild, alte Konfliktlinien

Die Aktualisierung des Hochhausleitbilds befeuert die Debatte nun erneut. Darin wird weiterhin auf eine Standortausweisung verzichtet, der Planungsprozess gestrafft und der Bau von Wohnhochhäusern vereinfacht.
Befürworterinnen und Befürworter des neuen Hochhausleitbilds sehen darin eine pragmatische Anpassung, um auf steigende Baukosten und Flächenknappheit zu reagieren.  Kritiker wie der Berliner Mietverein warnen unter anderem vor dem Verlust öffentlicher Aufenthaltsräume.

Kai Wegner, Berlins regierender Bürgermeister, spricht sich offen für Hochhäuser aus und betont, Berlin müsse „mutiger in die Höhe bauen“. Ein gemischtes Stimmungsbild gibt die Berliner Landespolitik vor allem im Zuge der Bekämpfung der Wohnungskrise ab.  Während die CDU das neue Leitbild als Beschleuniger in den Planungsprozessen begrüßt, betonen Grüne und Linke Bezahlbarkeit und fordern unter anderem höhere Sozialquoten.
Glaubwürdige Beteiligung ermöglichen
Wir als Hendricks & Schwartz sehen in der umstrittenen Diskussion zu Hochhäusern nicht nur Herausforderungen und Risiken, sondern die Chance verschiedene Interessengruppen an einen Tisch zu bringen und den Dialog der Beteiligten zu fördern. Entscheidend ist der Aufbau von Vertrauen durch eine transparente Kommunikation von Nutzen, Auswirkungen und Alternativen sowie durch glaubwürdig gestaltete Beteiligungsmöglichkeiten.

Frankfurt

In Frankfurt am Main sind Hochhäuser seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Stadtentwicklung und des kollektiven Selbstverständnisses. Die Skyline ist nicht nur weithin sichtbares Markenzeichen, sondern auch Identitätsgeber, und Ausdruck wirtschaftlicher Stärke. Anders als in vielen anderen deutschen Großstädten wird der Hochhausbau als integraler Teil der Stadt wahrgenommen.

Diese Haltung spiegelt sich auch im Hochhausentwicklungsplan wider, der Hochhäuser weder pauschal ermöglicht noch verhindert, sondern sie gezielt steuert. Klare Standortdefinitionen, gestalterische Qualitätsanforderungen und verbindliche Prüfprozesse schaffen einen Rahmen, der Investitionssicherheit mit städtebaulicher Verantwortung verbindet. Hochhäuser sollen dort entstehen, wo sie stadträumlich sinnvoll sind, das Stadtbild ergänzen und funktionale Mehrwerte liefern.

Eine projektbezogene, statt ideologische Debatte

Die Frankfurter Hochhausdebatte ist dennoch keine konfliktfreie. Fragen nach Verschattung, Wind, Verkehr, Nutzungsmischung oder bezahlbarem Wohnraum werden intensiv diskutiert – jedoch stets projektspezifisch anstatt grundsätzlich.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Bürgerbeteiligung, die im aktuellen Hochhausentwicklungsplan fest verankert ist. In aktuellen Projekten wie dem GA8 an der Gallusanlage oder dem Gloria auf dem Areal des ehemaligen Kaiser-Karrees zeigt sich, dass Beteiligungsformate der Auseinandersetzung mit Qualität, Nutzen und Auswirkungen dienen. In Befragungen und Dialogformaten wurde immer wieder deutlich, dass viele Teilnehmende die Skyline als Teil ihrer Heimat begreifen.

Akzeptanz ist kein Selbstläufer

Dieser breite Konsens basiert auf der Erwartung, dass Hochhausprojekte einen Beitrag zur Stadt leisten, etwa durch öffentlich zugängliche Erdgeschosse, neue Wegeverbindungen, Nutzungsvielfalt oder architektonische Qualität. Bürgerinnen und Bürger reagieren sensibel auf Projekte, die als reine Renditeobjekte wahrgenommen werden.

Hochhäuser als gemeinsame Geschichte verstehen

Für die Arbeit von Hendrricks & Schwartz zeigt die Frankfurter Debatte, dass Akzeptanz dort entsteht, wo Hochhäuser als Teil einer gemeinsamen Stadtgeschichte verstanden werden. Entscheidend bleibt, dieses Vertrauen durch nachvollziehbare Entscheidungen, transparente Kommunikation und glaubwürdige Beteiligungsangebote dauerhaft zu sichern.

München

München tut sich mit Hochhäusern schwer. Seit dem Bürgerentscheid von 2004 dürfen im Zentrum keine Bauten höher als die Frauenkirche entstehen. Doch wegen wachsender Flächenknappheit wird das Thema erneut diskutiert.

Die Münchner Hochhausdebatte ist emotional aufgeladen, doch angesichts von Wachstum, steigenden Mieten und begrenztem Raum öffnet sich die Stadt zunehmend der Bebauung in die Höhe. Mit der Hochhausstudie 2023 wurde die Diskussion neu angestoßen: Hochhäuser sollen an geeigneten Standorten möglich sein – vorausgesetzt, sie erfüllen hohe gestalterische, ökologische und städtebauliche Standards und bieten einen gesellschaftlichen Mehrwert.

Alte Debatte – neue Akteure

Hauptakteur der aktuellen Diskussion sind zwei Hochhäuser mit jeweils 155 Metern Höhe, die in Neuhausen-Nymphenburg neben der früheren Paketposthalle entstehen sollen. Der Stadtrat befürwortet das Vorhaben – auch weil über 1.100 Wohnungen geplant sind. Gegner sehen darin jedoch einen „Dammbruch“.
Ein Bürgerbegehren mit dem Titel „Hochhausstopp“ wollte die maximale Höhe im Umfeld der Paketposthalle auf 60 Meter begrenzen. Obwohl ausreichend Unterschriften gesammelt wurden, erklärte der Stadtrat das Begehren wegen der unklaren Fragestellung und dem damit verbundenen Eingriff in laufende Verfahren für unzulässig.

Emotionen, Interessen, Identität – ein komplexes Gefüge

Entsprechend treffen in der Stakeholderlandschaft unterschiedliche Interessen aufeinander. Politik und Verwaltung betonen die Notwendigkeit von Hochhäusern, wo  kaum noch horizontale Wachstumsreserven vorhanden sind. Bürgerinitiativen hingegen sorgen sich um Stadtbild, Bodenpreise und soziale Gerechtigkeit. Investoren und Architekturbüros wiederum verweisen auf die Chance, durch Mischnutzung und moderne Architektur lebendige, nachhaltige Stadtbausteine zu schaffen.
Kommunikativ ist die Situation herausfordernd, denn die Skyline Münchens hat für viele Menschen identitätsstiftenden Charakter. Gleichzeitig steigt der Druck, neuen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Die gegensätzlichen Narrative von Bewahren und Entwickeln, von Tradition und Wohnraumschaffung, von Emotion und Fachlogik prallen im öffentlichen Raum sichtbar aufeinander.

Eine Komplexität, die dialogorientierte Kommunikation notwendig macht

Genau diese kommunikative Moderation zukünftiger Hochhaus- und Verdichtungsprojekte sehen wir als zentrale Aufgabe. Wir begleiten solche Verfahren bereits erfolgreich über unser Büro in Frankfurt am Main – wo Hochhäuser seit Jahren selbstverständlicher Teil der Stadtentwicklung sind. Diese Erfahrung bringen wir gerne auch in München ein, um die anstehenden Prozesse konstruktiv und lösungsorientiert zu unterstützen.

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Stakeholder Magazin Vol. 3